Die Kontrolle verlieren

„An einem Fluss-Ufer traf ein Skorpion auf einen Frosch…
`Lieber Frosch, nimmst du mich auf deinem Rücken mit zur anderen Uferseite? Ich kann nicht schwimmen.´
Der Frosch erwidert:
`Nein, das werde ich nicht tun. Sobald wir in der Mitte des Flusses angekommen sind wirst du mich mit deinem Giftstachel stechen und wir werden beide sterben.´
`Warum sollte ich das tun? Wenn ich dich steche, so werde auch ich ertrinken und ich hätte nichts dabei gewonnen…´


Der Frosch überlegt kurz und entschließt sich letztlich den Skorpion doch mit zur anderen Flussseite zu nehmen.
In der Mitte des Flusses angekommen, holt der Skorpion mit seinem Stachel aus und sticht den Frosch in den Rücken.
Mit den letzten Atemzügen fragt der Frosch:
`Warum hast du mich gestochen? Jetzt sterben wir beide…´
`Ich bin ein Skorpion, es ist meine Natur, ich kann nicht anders…´

Und beide ertranken…“

Meine Mutter hat mir diese Geschichte einmal erzählt und mir erklärt, sie handle von dem Wesen des Sternzeichens Skorpion. Für mich ergab das keinen Sinn. Denn warum sollte der Skorpion erst über den Fluss gelangen wollen, um dann in ihm zu ertrinken. Ich kam zu dem Schluss, dass diese Fabel nicht das Wesen eines Skorpions, sondern das eines jeden Menschen beschreibt. Den ihm immanenten Zwang, den unbedingten Drang, immer die Kontrolle zu wahren.

Nun mag nicht jeder Mensch so sein, doch ist es unstrittig, dass Kontrollverlust zumeist mit negativen Konsequenzen verbunden wird und wir ihn deshalb um jeden Preis meiden. Sobald wir Gefahr laufen, die Kontrolle zu verlieren, werden wir unruhig, ergreifen die „Initiative“. Panisch werden wir, verzweifelt blicken wir dem Unerwarteten, Unkontrollierbaren entgegen. Blindlings ergreifen wir die erste Möglichkeit, wie einen Rettungsring reißen wir an uns, was wir greifen können. Um den Verlust unserer Macht zu vereiteln, entrationalisieren wir so manche unserer Handlungen.

Vermutlich erscheint diese Ansicht im ersten Moment nicht bloß abwegig, sondern nahezu pessimistisch. Dennoch, wie oft sind wir vom Kontrollverlust bedroht? Wie bei einer Klausur, die man geschrieben hat und deren Benotung nun Anderen zur Aufgabe gemacht wird. Natürlich, solange wir lernten, schrieben, dachten, kontrollierten wir irrtümlich die Zukunft, doch diese Illusion des Kontrollierens zerspringt allzu bald. Das mulmige Gefühl, das gespannte Warten auf einen Ausgang der Umstände, der nicht länger in unserer Hand liegt. Sprich: Kontrollverlust…

Nehmen wir die Liebe. Kaum eine menschliche Eigenschaft ist so eng mit Kontrolle und Angst vor ihrem selbstverschuldeten Verlust verbunden. Zu ihrer Anfangszeit, versuchen wir angestrengt, unsere Gefühle zu „kontrollieren“. Lediglich eine lächerliche Fantasie, der sich der Mensch hingibt. Gefühle, sind sie denn echt, sind nicht zu kontrollieren. Wir versuchen, den Anderen zu „kontrollieren“, nach unseren Vorstellungen zu formen. Kein Mensch ist dazu gemacht zu „kontrollieren“, keiner dazu, „kontrolliert“ zu werden. Wir gaukeln uns vor, der Andere besitze Attribute, von denen wir uns wünschten, er besäße sie, wir versuchen ihn zu ändern. Verhält er sich in unseren Händen wie flüssiges Wachs, gelingt es, ihn nach unseren Vorstellungen zu formen, machen wir ihn unglücklich. Wehrt er sich, sind wir unglücklich.

Natürlich bedeutet Liebe im Idealfall Vertrauen und wahrhaftig vertrauen können, das scheint mir der Gegenentwurf zum menschlichen Kontrollwahn zu sein. Wir gehen in der Liebe eine Verbindung ein, die in der Lage ist, uns Stabilität zu geben, die es uns erlaubt, uns fallen zu lassen. Und wenn wir es schaffen, in der Liebe ein bisschen Kontrolle aufzugeben, dann ist das wohl die aufregendste und gleichsam wunderbarste Art, seiner Kontrolle verlustig zu werden.

Doch währt auch dies nicht ewig. Denn die extremste Form der Kontrolle und ihres totalen Verlustes steht wohl am Ende der Liebe. Schläft die Liebe ein, verwelkt sie, stirbt sie schließlich, reißt unsere rettende Verbindung. Vertrauen wird gebrochen und nun muss jemand die Kontrolle verlieren. Einer muss nun die absolute Kontrolle über den Kontrollverlust des Anderen erlangen.

Diese Art de Kontrollverlustes ist zweifelsohne die fatalste, der ein Mensch zum Opfer fallen kann. Und ich bin mir sicher, trotz des Vertrauens fürchten wir sie so lange, bis wir ihr erliegen. Oder unserem Gegenüber das antun, vor dem uns selber so graut. Und so verletzen wir Andere, um selbst verletzt zu werden, denn dann bleibt uns die Genugtuung: Ich habe den Moment des Schmerzes bestimmt, ihn „kontrolliert“. Aber kontrollieren wir damit den Schmerz? Und wie kann uns etwas „Genugtuung“ verschaffen, das im selben Atemzug einen ehemals geliebten Menschen innerlich zu zerreißen droht…

Das zeigt uns, dass Kontrolle ebenso schmerzhaft sein kann, wie ihr Verlust.

Nur um am Schluss eine scheinbare „Kontrolle“ zu besitzen, fügen wir uns und Anderen Schaden zu. In unserem Drang, die Kontrolle zu erlangen, schlagen wir um uns, kratzen, beißen…

Wie der Skorpion reißen wir jemanden mit uns in die Tiefe…

Für die Kontrolle.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s